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Zum Tode von Jakob Tholund

von Volkert F. Faltings

Am 8. März 2022 verstarb in Kiel in seinem 94. Lebensjahr der ehemalige Oberstudiendirektor des Föhrer Gymnasiums, Jakob Tholund. Damit haben nicht nur die Inseln Föhr und Amrum, sondern alle Frieslande einen treuen Freund und Fürsprecher verloren. Für sehr viele Menschen dort ist sein Name eng mit den Bemühungen um den Erhalt und die Förderung der friesischen Sprache und Kultur nach 1945 verbunden.

Jakob Tholund wird am 29. August 1928 in Goting auf Föhr als drittes Kind des Lehrers Nis Tholund und seiner Frau Kreske geb. Dethlefs geboren. Sein aus Toftum auf Föhr stammender Vater war seinerzeit an der Gotinger Schule tätig, bevor er 1929 die Leitung der Oevenumer Dorfschule übernahm. Dort im Lehrerhaus ist Jakob aufgewachsen. Er hat sich später immer wieder gerne an seine Kindheit im Kreise der Oevenumer Dorfjugend erinnert und konnte humorvoll davon erzählen. In den Wirrungen und Irrungen (und Verirrungen) des Zweiten Weltkrieges finden wir ihn wie so viele seiner Altersgenossen in der Hitlerjugend, schließlich als Schüler der Nationalpolitischen Erziehungsanstalt (Napola) in Plön. Desillusioniert und desorientiert kehrt der inzwischen 17-jährige als Flakhelfer aus dem Krieg zurück. Auch darüber hat er seinen Schülern im Geschichtsunterricht immer wieder eindrucksvoll und anschaulich berichtet, zu einer Zeit, als das Thema Nationalsozialismus im Unterricht noch oft genug buchstäblich totgeschwiegen wurde. Zunächst schlägt er sich als landwirtschaftliche Hilfskraft – Knecht sagte man seinerzeit – durch, bevor er 1948 an der Friedrich-Paulsen-Schule in Niebüll sein Abitur ablegt. Es folgt ein Studium der Philosophie, Theologie, Literaturwissenschaft und Geschichte in Kiel und Freiburg. Nach dem Staatsexamen 1954 wird er Gymnasiallehrer, zunächst in Wyk auf Föhr, dann in Flensburg und St. Peter-Ording, bevor er 1965 nach Föhr zurückkehrt, um als Oberstudiendirektor die Leitung des Staatlichen Gymnasiums in Wyk auf Föhr zu übernehmen, die er bis zu seiner Pensionierung 1990 beibehält.

Der Schreiber dieser Zeilen, damals Quartaner, erinnert sich noch gut daran, wie Jakob eines Tages den Deutschunterricht übernahm und ihn mitten im Unterricht auf Friesisch ansprach. Schlagartig herrschte eine völlige Stille, denn keiner der Klassenkameraden glaubte richtig gehört zu haben und erwartete gespannt, was nun passieren würde. Bis dahin hatte Friesisch unter einigen tonangebenden Lehrern, aber auch Schülern oft genug einen schweren Stand. Selbst in den Pausen auf dem Schulhof wurden wir gelegentlich von der Pausenaufsicht angeraunzt, wenn wir Friesisch miteinander sprachen. Diese Eingeborenen- und Bauernsprache sei eines deutschen Gymnasiums nicht würdig, hieß es da. Und als einmal ein Klassenkamerad aufgrund seines auffälligen friesischen Akzents von ein paar Internatsschülern gehänselt und nachgeäfft wurde, nahm ihn unser Klassenlehrer väterlich beiseite und sagte: „Mache dir keine Sorgen, deine Halskrankheit [sprich: Friesisch] treiben wir dir auch noch aus!“

Dieser Ton änderte sich grundlegend, als Jakob das Ruder an der Schule übernahm. Umgehend scharte er die friesischsprachigen Mittel- und Oberstufenschüler in seiner legendären Friesisch-AG um sich. Durch ihn begriffen wir erstmalig, dass man die „Eingeborenensprache“ Friesisch auch jenseits von Deutsch, Englisch und Latein an einem Gymnasium unterrichten konnte, ja, dass es tatsächlich möglich war, die eigene Muttersprache nach einer richtigen Orthographie zu schreiben und zu lesen und dass neben der staatstragenden deutschen Geschichte und Kultur auch eine regionale friesische Geschichte und Kultur existierte. Das steigerte unser ramponiertes friesisches Selbstwertbewusstsein nicht unerheblich, was wiederum bewirkte, dass der Blick der anderen auf uns sich sukzessive zu unseren Gunsten veränderte und wir nicht länger die bedauernswerten Hinterwäldler vom Land waren, deren „Halskrankheit“ es zu heilen galt. Dazu trug vielleicht auch der hohe Bekanntheitsgrad der friesischen Zeitschrift „Breipot“ in der insularen Bevölkerung bei, die auf Jakobs Initiative von den Schülern seiner Friesisch-AG zwischen 1973 und 1985 zusammengestellt und herausgegeben wurde. Grundsätzlich kann man sagen, dass Jakob den späteren Werdegang nicht weniger Föhrer Gymnasiasten, Friesen wie Nichtfriesen gleichermaßen, die er als Lehrer und Schulleiter durch das Abitur führte, nachhaltig beeinflusst hat. „Saner Joope wiar ik ei det wurden, wat ik daaling san!“ (Ohne Jakob wäre ich nicht das geworden, was ich heute bin!) hört man des Öfteren.

Von Anbeginn engagierte sich Jakob in der friesischen Bewegung und bekleidete dort eine Reihe von Ehrenämtern, so von 1970 bis 1994 den Vorsitz der Sektion Nord des Friesenrates. Als Präsident des Gesamtfriesenrates lagen ihm insbesondere die interfriesischen Beziehungen zwischen Ost-, West- und Nordfriesland am Herzen, die unter seiner Ägide zu einer hohen Blüte gelangten, die seitdem nicht wieder erreicht werden konnte, nicht zuletzt im Bereich des Friesischunterrichts, den er als Friesisch-Fachbeauftragter beim Landesinstitut für Praxis und Theorie der Schule zusammen mit den damaligen Friesischlehrern Nordfrieslands systematisch ausbaute und aufwertete. Seine Mitgliedschaft im „Friesen-Gremium“ des Schleswig-Holsteinischen Landtages und der Vorsitz im deutschen Komitee für Sprachminderheiten haben diese erfreuliche Entwicklung zweifelsohne begünstigt. Sein weithin gerühmtes rhetorisches Talent, gepaart mit einem beachtlichen diplomatischen Geschick, tat dabei gewiss sein Übriges. Wenn Friesisch heute über alle externen und internen Widerstände hinweg an zahlreichen nordfriesischen Schulen unterrichtet wird, hat Jakob daran kein geringes persönliches Verdienst. Seinen Bemühungen ist es überdies mit zu verdanken, dass die nordfriesische Volksgruppe 1990 in die schleswig-holsteinische Landesverfassung aufgenommen worden ist und durch sie fortan einen besonderen Minderheitenschutz genießt.

Darüber hinaus war Jakob von 1982 bis 1986 Vorsitzender und später Beiratssprecher des Vereins Nordfriesisches Institut in Bredstedt, der ihn danach zu seinem Ehrenmitglied ernannte. Eine ganz besondere Herzensangelegenheit war Jakob schließlich die Ferring Stiftung in Alkersum auf Föhr. Seit ihrer Gründung im Jahre 1988 bis 2002 war er ihr 2. Vorsitzender. Zusammen mit dem Stiftungsgründer Frederik Paulsen sen. (1909-1997) und dem aus Süderende auf Föhr stammenden Staatssekretär Brar C. Roeloffs (1928-2013) hat er die Stiftung zu einer der führenden Institutionen im Lande aufgebaut, die sich der Förderung und Erforschung der friesischen Sprache, Geschichte und Kultur verpflichtet fühlen.

Mehrfach ist Jakob für sein friesisches Engagement ausgezeichnet worden. 1990 ernannte ihn die niederländische Königin Beatrix für seine völkerverbindende Arbeit im Gesamtfriesenrat zum Offizier des Ordens Oranien-Nassau. 1991 wurde ihm das Bundesverdienstkreuz am Bande verliehen, 1996 erhielt er den Hans-Momsen-Preis des Kreises Nordfriesland.

Zweifellos haben die Föhringer und Amringer wie alle Nordfriesen und Friesen in den südlichen Frieslanden mit Jakob Tholund ein großes Glück gehabt. Ob wir Nachgeborenen dieses Glück verdient haben, wird die Zukunft zeigen.